Autor: OA Dr. Hugo Lunzer
Während der Schwangerschaft ist das Kind von Fruchtwasser umgeben, das Kind „schwimmt“ sozusagen in Fruchtwasser. Damit dieses Fruchtwasser nicht über die Scheide abfließen kann, ist es von der Fruchtblase, den sogenannten Eihäuten, umgeben. Die Eihäute sind auch dafür verantwortlich, dass keine Krankheitskeime von der Scheide aus nach oben aufsteigen können, sie bilden quasi eine Schutzbarriere vor Infektionen des Neugeborenen innerhalb der Gebärmutter. Unter einem Blasensprung versteht man in der Medizin das Einreißen dieser Fruchtblase. Ab diesem Moment besteht eine offene Verbindung zwischen dem Inneren der Gebärmutter und der (natürlich nicht keimfreien) Scheide. In der Mehrzahl der Geburten kommt es erst nach Beginn der Geburtswehen zum Einreißen der Eihäute. Falls es bereits vor den Geburtswehen zu einem Blasensprung kommt, spricht man von einem vorzeitigen Blasensprung (engl. PROM – Premature Rupture Of Membranes).
Ein vorzeitiger Blasensprung lässt sich daran erkennen, dass Fruchtwasser über die Scheide abrinnt. Gerade wenn der Kopf des Kindes gut gegen die Scheide abdichtet, ist es oft auch für einen Frauenarzt schwierig, zwischen einem verstärkten Ausfluss und einem Blasensprung zu unterscheiden. Der Frauenarzt hat das große Glück, dass es einen Test auf Fruchtwasser gibt. Dieser Test funktioniert ähnlich wie ein Schwangerschaftstest mit wenig Sekret tief aus der Scheide.
Ein vorzeitiger Blasensprung ist für das ungeborene Kind mit Risiken verbunden: Eventuelle Infektionen aus der Scheide können jetzt in die Gebärmutterhöhle aufsteigen und möglicherweise das Kind infizieren. So etwas benötigt jedoch so lange, dass noch genügend Zeit bleibt, um ins Krankenhaus zu fahren. Im Krankenhaus wird der behandelnde Arzt nach einer bestimmten Zeit mit der Gabe eines Antibiotikums beginnen, um das Kind vor einem aufsteigenden Infekt zu schützen.
Ein anderes für das Kind gefährliches Ereignis kann jedoch sehr schnell eintreten: Wenn der Kopf des Kindes sich noch weit über dem Beckeneingang befindet und der Muttermund zum Zeitpunkt des Blasensprungs schon mehrere Zentimeter offen ist, kann in diesen Spalt die Nabelschnur rutschen und der Kopf des Kindes darauf drücken und damit die Blutzufuhr zum Kind unterbinden. Dies nennt sich Nabelschnurvorfall und kommt zum Glück selten vor. Gerade beim ersten Kind ist der Kopf meisten schon sehr tief und die Gefahr eines Nabelschnurvorfalls sehr gering.
Ist der Kopf noch nicht tief genug, ist es wichtig, sich nach einem Blasensprung auf den Rücken zu legen, das Becken hochzulagern und sich liegend ins Entbindungskrankenhaus bringen zu lassen. Im Liegen kommt es zu einem viel geringeren Druck auf die Nabelschnur, das Kind wird weiter mit Sauerstoff versorgt. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich daher, sich nach einem vorzeitigen Blasensprung hinzulegen und die Rettung zu rufen, damit im Krankenhaus festgestellt werden kann, ob es nicht doch zu einem Blasensprung mit Nabelschnurvorfall gekommen ist.
Ein Blasensprung kann besonders in Nähe zum Geburtstermin jederzeit passieren. Im Zweifelsfall soll immer ein Krankenhaus aufgesucht werden, damit auf einen eventuellen Blasensprung reagiert werden kann. Bei schwallartigem Abgang größerer Fruchtwassermengen aus der Scheide sollte die werdende Mutter ihr Becken hoch lagern und die Fahrt mit dem Rettungswagen liegend erfolgen. Und man soll sich nicht wundern, falls man wegen „falschen Alarms“ wieder nach Hause geschickt wird: Sogar für erfahrene Hebammen und Geburtshelfer ist es oft sehr schwierig, zu sagen, ob ein vorzeitiger Blasensprung vorliegt oder nicht.
Für Fragen steht das Team der Wochenstation des BKH St. Johann gern zur Verfügung: 05352 / 606 - 320